Ramasuri can t hold us down

Cant´t hold us down

[Der folgende Text stammt aus der ramasuri (magazin für die revolte) März 2015 und soll hier dokumentiert werden]

… a carving for slaughter…

Wir sind wütend. Tief in uns drin, oft im Verborgenen. Nur manchmal bricht die Wut hervor. Wir sind wütend. Über die anhaltenden Geldprobleme, auf den Druck vom Amt, auf den beschissenen Job. Wütend auf den Zwang zur Arbeit. Wütend auf die Ideologie in unseren Köpfen. Wir sind wütend. Auf den Typ, der uns auf der Party den ganzen Abend lang anglotzt. Auf den Freund, der es nicht bemerkt. Auf uns, weil wir denken: „Das bildest du dir nur ein.“ Wütend darauf, dass das die Normalität ist, die wir akzeptieren sollen. Wir sind wütend. Auf den Chef, den wir nicht haben wollen, der uns wie Scheiße behandelt. Wir sind wütend darauf, uns klein und schwach zu fühlen, weil wir es so gelernt haben. Wir sind wütend auf Horden von Hooligans und andere Männerbünde. Weil wir uns gezwungen sehen, uns mit ihnen zu beschäftigen, obwohl wir soviel Besseres zu tun haben. Weil sie Ausdruck des patriarchalen, rassistischen Drecks sind, den wir nicht mehr ertragen wollen. Wir sind wütend. Auf die Missverständnisse zwischen uns und unseren Freunden. Wütend auf die Gräben und wütend über die Schluchten. Wir sind wütend darüber, uns so weh zu tun. Wir sind wütend auf die, die nichts tun, um die Schluchten kleiner zu machen, weil sie sich auf der sicheren Seite wähnen. Wir sind wütend. Auf die Frau, die sich im Bus nicht neben eine von uns setzt, weil diese bestimmt Ebola habe. Wir sind wütend auf das, was im Kopf dieser Frau los ist. Wütend darauf, wie beschossen normal dieser Rassismus ist. Wir sind wütend. Über und auf die Kriege, die Gefängnisse, die Menschen. Wütend über und auf unzählige Dinge. Wir sind wütend. Auf die anderen und auf uns selbst. Wütend darauf, dass sie sind, wie sie sind und dass wir dazu gebracht werden, so zu sein, wie wir sind. Wir sind wütend auf unsere Sozialisation, in der wir feststecken und auf das, was um uns herum passiert. Wir sind wütend.

Gesellschaftlich wird uns kein Ausdruck unserer Wut erlaubt, die Kanalisierung der Wut richten wir nach innen, zerstören uns selbst. Die Schranke im Kopf, das Emotions-Kontrollsystem (der oft zitierte Bulle im eigen Kopf), das uns davor warnt irrational, kindisch, hysterisch, subjektiv, nicht ernst zu nehmend, `weiblich´, unglaubwürdig, lächerlich, niedlich, emotional zu sein. In dieser Welt haben wir gelernt: Ich darf niemanden meine Wut ins Gesicht schreien oder sie auch nur gegen Dinge richten. Es wäre unangebracht und würde mich kompromittieren. Wir sind nicht geübt darin, Wut zu artikulieren. Wir sind geübt darin, nicht wütend zu werden oder zu sein, Wut zu schlucken, zu kompensieren, zu kontrollieren, zu zähmen, verständnisvoll zu sein, uns zu beruhigen, konstruktiv zu sein…
In unserer Gesellschaft bekommen diejenigen, die unterdrückt werden, keine Legitimation, ihre Wut und ihren Ärger auszudrücken – zumindest wenn diese den kontrollierbaren Rahmen verlassen.
Dies haben wir so verinnerlicht, dass es uns schwer fällt, überhaupt unsere Wut zu spüren, noch schwerer, sie gegen die zu richten, die sie verursachen und nicht gegen uns selbst oder die, die vermeintlich ‚unter uns‘ stehen. Oft tragen wir die Wut im Bauch, bis sie uns auf den Magen schlägt; Selbsthass, Selbstzerstörung, würgen und kotzen. Wir versuchen uns selbst zu befrieden, machen tausend Dinge um unsere Wut zu verlieren oder gar nicht erst zu bemerken, unbeholfen oder ohnmächtig darin, wie wir mit unserer Wut umgehen sollen, wie wir ihr Ausdruck verleihen können. Wir haben Angst vor der Wut und sie überfordert uns; Ein übermächtiger oft diffuser Gegner scheint uns diese Welt, von der wir schließlich selbst Teil sind. So begnügen wir uns am Ende meist damit, uns selbst kaputt zu hinterfragen, während die Strukturen unhinterfragt bleiben.

Wir denken, das unsere Wut uns Kraft und Mut geben kann, ein antreibendes Gefühl. Das Drama in unseren Köpfen, die Ausbrüche von Wut und Trauer, können sehr wichtig und emanzipatorisch sein und andere Zugänge zur Welt und zueinander eröffnen. Uns zu hinterfragen, auch an uns zu zweifeln, kann uns an neue ungekannte und erlebenswerte Orte bringen. Aber es geht uns nicht darum, in unserem Alltag die eigenen kleineren und größeren Miseren ‚privat‘ zu halten, sondern die Fragen so voranzutreiben, dass wir unsere Gefühle und unser Verhalten als Teil der Welt sehen und auch so behandeln können. Teil der Welt, die wir analysieren, Teil der Welt, an der wir nicht Schuld sind, aber in der wir Verantwortung tragen, Teil der Welt, zu der wir gehören, aber gegen die wir uns richten.

Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Zugänge zu Aggressionen und Wut gelernt, die mit unterschiedlichen privilegierten Positionen in der Gesellschaft verknüpft sind. Menschen in privilegierten Positionen können ihre Wut an weniger privilegierten Menschen oft ungezügelt raus lassen. Sind wir in einer weniger privilegierten Position, und bekommen diese Wut zu spüren, suchen wir die Schuld oft bei uns selbst. So wird Macht über uns ausgeübt. Wir sind wütend auf diese Strukturen. Und wir wissen gleichzeitig, dass sie keine Entschuldigung sind. Wir wissen, es gibt innerhalb dieser Strukturen verschiedene Positionen, die verschiedene Verantwortung beinhalten und verschiedene Strategien zu ihrer Zerstörung erfordern können. Wir wissen, dass es an der Zeit ist, zu zerstören.

But there is nothing to be afraid of.

Wir, die wir gelernt haben, wütend zu sein, noch wütend sein zu dürfen, die durch ihre Wut, wenn sie doch hervor bricht, gesellschaftlich abgewertet und nicht ermächtigt werden, die wir uns mit der Wut oft in uns selbst eingesperrt fühlen, die wir die Wut nicht nach außen zu richten gelernt haben, wir kennen die Angst vor der Wut. Eine Angst, die lähmt.

Während es in unseren Herzen und Köpfen kocht und brodelt, während wir in unseren Phantasien Wutstürme entfesseln, während wir denken, es ist nötig, klare Fronten zu schaffen, sehnen wir uns nach Verbundenheit, nicht nach Distanz und Trennung. Wir wünschen uns Ruhe, wenigstens neben uns und keinen Kampf an allen Ecken und Enden. Es macht uns Angst, zu merken, unsere Wut richtet sich nicht nur gegen die Bullen, die Institutionen, gegen all das, zu dem wir ohnehin keine Nähe verspüren. Es macht uns Angst zu merken, wie umfassend unsere Wut sein kann, wenn wir sie zulassen, dass sie keinen Halt macht vor denen, die wir Gefährt_innen oder Freund_innen nennen, dass es oft genau diese sind, gegen die wir, ganz unmittelbar, zu kämpfen haben. Es macht uns Angst, beim Umschauen festzustellen: Es sind nur wenige, noch weniger als wir dachten. Die bereit sind, mit uns diese Kämpfe zu führen, die bereit sind, unsere Wut – auch gegen sie – anzunehmen. Es macht uns Angst zu merken, dass sich auch Wut gegen uns richtet, die nicht unterdrückt, sondern Wut, die aufbegehrt, Wut gegen unsere Machtpositionen, unsere Privilegien.. und wir sind erst dabei zu lernen, dass es wichtig ist, diese anzunehmen. Es macht uns Angst, dass die Wut auch innerhalb unserer Verbindungen zueinander existiert. Die Verbundenheit in unserer Wut gegenüber den sexistischen Machtverhältnissen heißt nicht, dass wir die gleichen Betroffenheiten und die gleiche Wut in allen Unterdrückungsverhältnissen empfinden. Wir haben Angst, dass die Wut jede von uns so unterschiedlich sein kann, zwischen uns stehen und gegeneinander gerichtet sein kann, dass sie uns spaltet, distanziert.

Wie können wir die Angst vor der Wut verlieren? Wie können wir, aus Positionen, in denen uns Wut abgesprochen wird, zu ihr finden? Und wie können wir mit der Wut unserer Verbündeten solidarisch sein, anstatt sie ihnen abzusprechen, sie zu übergehen oder zu vereinnahmen? Wie kann unsere Wut und auch unsere Solidarität ihren Ausdruck finden? Welche Rollen kann dies für emanzipatorische Praxen spielen? Was sind die Verbindungen zwischen individueller und kollektiver Wut? Können aus unserer Wut Strategien erwachsen in einem Kampf gegen das Bestehende?

… like a knife into butter…

Wir sehen Rache als einen möglichen Ausdruck von Wut gegen etwas oder jemanden. Rache als Reaktion auf Handlungen, die wir als ungerecht, schmerzhaft etc. Empfinden – wir wissen, das ist nicht allgemeingültig oder ‚objektiv‘ und schon gar nicht deckungsgleich mit dem, was staatlich als ‚Unrecht‘ definiert wird. Und genau deshalb denken wir, dass Rache etwas sein kann, das uns aus der Ohnmacht herausführt. Rache entzieht sich der staatlichen Logik und folgt dem Empfinden derjenigen, die sich rächen. Auch der Staat führt gezielte Verletzungen zu – rächt er sich? Vielleicht. Aber staatliches Strafen hat nichts mit Rache als Selbstermächtigung zu tun. Der Staat besitzt die zentrale Machtposition in unserer Gesellschaft und innerhalb seiner Logik geht es immer darum den Status Quo aufrecht zu erhalten. Der Staat basiert auf Ungleichheit, auf einer Gesellschaft von Unterdrücker_innen und Unterdrückten, die mittels des Strafsystems erhalten werden soll. Diejenigen, die entscheiden, diejenigen, die strafen, sind weder die Verletzten noch die Ermächtigten. Wenn wir uns aus einer benachteiligten Position heraus rächen, kann das Selbstermächtigung sein, uns handlungsfähig machen, um etwas, das genommen oder verletzt wurde, wiederzuholen oder wiederherzustellen.

Uns an einem übergriffigen Menschen zu rächen, kann eine Machtposition verschieben. Der Akt des Übergriffes zeigt, dass die übergriffige Person einerseits in der Lage dazu ist, sich so zu verhalten und andererseits sich dazu berechtigt fühlt. Das heißt nicht, dass eine übergriffige Person sich zwangsläufig in allen Aspekten in einer mächtigeren Position als die betroffene Person befindet, aber sie nutzt ein bestimmtes Machtverhältnis, agiert diesem Verhältnis entsprechend. Beispielsweise führt uns ein Typ, der uns einen sexistischen Spruch hinterher ruft oder uns auf einer Party angrapscht vor Augen, in welchen gesellschaftlichen Rollen wir gesehen werden und stecken, er bestätigt und verfestigt durch sein Handeln die Normalität solcher Übergriffe. Rache zu üben an einer Person, die sich uns gegenüber in einer Machtposition befindet und diese durch ihr Verhalten bestätigt, hat nichts damit zu tun ‚auch nicht besser zu sein‘, sondern uns selbst zu ermächtigen, die eigene Handlungsfähigkeit (wieder) zu erlangen und ganz klar diese unterdrückende Struktur in Frage zu stellen. Zu sagen, dass diese Macht nicht einfach ausgeübt werden kann. Zu zeigen, dass wir das Bewusstsein über diese Position haben und uns darin wehren können. Zu zeigen, dass dieses Machtverhältnis, das uns schwach und ohnmächtig machen soll, zerstört werden kann und muss. Das Selbstbewusstsein zu erschaffen, den eigenen Ausdruck für die Gefühle zu erlangen und anstatt uns selbst zu zerstören, das zu zerstören, was uns diese Schmerzen zugefügt hat. Das anzugreifen, was uns kaputt macht, ist Selbstermächtigung, ist Emanzipation.

Ob Rache im Auftrag oder im Namen einer anderen Person oder gemeinsam ausgeübt werden kann, ob Rache an etwas abstraktem als einer konkreten Person, etwa Rache an einem System, einer Gesellschaft, existieren kann und wie diese aussehen könnte – das sind alles Fragen, die existenziell und weiterführen für unser Handeln sind.
Bei Rache geht es nicht darum, zu verhandeln oder Konflikte zu lösen, es geht um einen Zugang zu unserer Wut, einen Umgang mit der erfahrenen Gewalt, mit unseren Verletzungen, um die Zerstörung des Bestehenden. Wir fragen uns aber auch: Sind wir überhaupt in der Lage dazu, uns zu rächen? Wie weit sind wir eigentlich bereit zu gehen? Sind wir wirklich offen für Veränderung? Und sind wir bereit, innerhalb der Erkenntnis zu handeln, dass es keine Harmonie mit allen geben kann?

Das Gewalttätigste, was wir in einer Welt voller Gewalt tun können, ist nichts tun gegen diese gewaltvollen Verhältnisse. Wir leben in einer Welt, die auf Gewalt aufbaut, in der Unterdrückung und Aufrechterhaltung der Herrschaft durch täglich reproduzierte Gewalt geschieht. Der Staat besitzt die einzige ‚legitime‘ Gewalt, die Legitimation von Gewalt ist aber noch komplexer. Strukturelle Diskriminierung und Unterdrückung ist zwar teilweise gesetzlich vom Staat ‚verboten‘, jedoch gibt es klare Unterschiede zwischen gesellschaftlich anerkannter Gewalt und solcher, die es nicht ist. Im Patriarchat, in dem wir leben, ist Gewalt von Männern gegenüber Frauen viel mehr verbreitet und anerkannt als anders herum. Nicht ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘ zu sein, sein zu wollen, wird oft weder anerkannt noch ernst genommen. Was vom heterosexuellen System der Zweigeschlechtlichkeit abweicht, gilt als Ausnahme, Sonderfall, ‚anders‘. Dies sind Vorstellungen von Normalität, die die Gewaltverhältnisse formen, in denen wir leben. Sie stimmen nicht unbedingt mit den scheinbar ‚gleichberechtigten‘ Gesetzen überein, bestimmen aber unsere Realität. Es gibt Gesetze, um häusliche Gewalt und Vergewaltigungen zu verbieten und zu bestrafen, gleichzeitig (re)produziert die Gesellschaft eine Normalität, die diesem Verhalten zu Grunde liegt und es überhaupt erst erschafft.

Gewalt erfahren wir in vielen unterschiedlichen Formen; für uns greift eine Definition von Gewalt, die diese lediglich als physischen Angriff sieht, zu kurz. Mit der Gewalt der Normalität, aus der wir nicht herausfallen dürfen, wird uns ein Leben aufgezwungen. Gewalt wird uns angetan von der Schule, die wir schon von klein an besuchen müssen, von den Eltern, die uns anschreien, weil wir ihnen nicht ‚gehorcht‘ haben. Gewalt ist der erste Sex, von dem wir denken, es wäre nor-mal, dass es weh tut. Gewalt sind nicht nur die Bullen, die uns knüppeln, sondern die bloße Existenz der Bullen. Gewalt das sind die Politiker_innen, die meinen, uns in einem Parlament zu repräsentieren. Die Gewalt ist überall, offensichtlich und subtil. Und wir können nicht außerhalb von ihr handeln. Unser Mittel ist nicht die vermeintliche ‚Friedlichkeit‘, eine subtile Form der Gewalt, die uns gegenüber der bestehenden Gewalt(verhältnisse) in Schach halten soll. Unser Mittel ist es, den bestehenden Gewaltverhältnissen gezielte Angriffe entgegenzusetzen.

Von Aufständen, kollektiven Wutausbrüchen und gezielten Racheakten

Aufstände wie in Frankreich, England, Bosnien oder in den USA wie kürzlich in Ferguson sind auch ein Ausdruck von Wut und Rache. Menschen richten ihre Wut auf den Staat, seine Institutionen, die Warengesellschaft, etc. Wir sehen die Stärke dieser Wutausbrüche darin, sich nicht in politische Machtkämpfe oder reformistische Repräsentationspolitik integrieren zu lassen. Waren es am Ende nicht immer akademische Sprecher_innen, die versuchten, schlaue Worte zu finden, für Dinge, die sich in einem anderen Vokabular abspielen? Und zeigt dieses Sprechen von demokratischen Versammlungen und so weiter nicht nur einen winzig kleinen Teil dessen, was auf der Straße und zwischen den Menschen passierte? In den Explosionen der Wut finden wir einige emanzipatorische Aspekte. Innerhalb dieses Systems, in dem wir nicht die Erlaubnis haben (auch nicht von sogenannten Revolutionär_innen) unseren Gefühlen, unserer Wut und unserer Verzweiflung, den diese Unterdrückung hervorruft, einen Ausdruck zu verleihen, ermächtigen wir uns unserer Gefühle und stellen damit die bestehenden Gewaltverhältnisse in Frage. Wut und Zerstörung als die daraus folgende Handlung, als Racheakt, sind die totale Verneinung, Ausdruck der Negation und daher nicht integrierbar. Alles andere, wie wir oft gesehen haben, wird besetzt von linken oder anderen Parteien, verschwindet innerhalb der parlamentarischen Politik oder demokratischer Prozesse und entzieht ihm so jedes aufständische Moment und das Potential für eine Veränderung.

Die Veränderung, die wir wollen, ist eine Ermächtigung der Machtlosen. Sie kann direkt stattfinden in einem Akt der Rache.

Uns geht es nicht darum, unsere Ideen zu predigen, bis wir als Avantgarde die Massen überzeugt haben. Wir wollen nicht ohnmächtig warten auf ‚das Paradies‘ / ‚die Revolution‘. Es geht uns nicht um die Zukunft unserer nicht existierenden Kinder. Wir wollen Selbstermächtigung hier und jetzt.

Viele der aufständischen Situation der letzten Jahre begannen mit einem Sturm der Wut, der auf die Erschießung einer Person durch die Bullen folgte. Dass diese Morde rassistisch waren, war offensichtlich. Eine scheinbar persönliche Tragödie, ein vermeintlich ‚versehentlicher Schuss`, führte dazu, die Wut vieler zusammenzuführen, die wussten, es hätte sie genauso gut treffen können, die wussten, dass jeder Bulle eine Knarre am Gürtel trägt, die töten soll. Die Wut vieler, für die die tödlichen Schüsse nur die Spitze der täglichen Repressionen waren und die sich zusammen ermächtigten, zu handeln, auf die Straße zu gehen und einen kollektiven Racheakt zu üben, der sich nicht nur gegen einen einzelnen Bullen, sondern gegen die Bullen überhaupt und gegen das dazugehörige System richtete.

Die Aufstände in Ferguson oder auch in London wurden von einer rassistischen Medienberichterstattung und öffentlichen Meinungen begleitet, welche die Aufständischen als ‚kriminell‘, gefährlich und gewalttätig darstellte und ihnen damit jede bewusste Entscheidung und überlegtes Handeln absprach. Dahingegen ist der gemeinschaftliche Ausdruck von Emotionen bei Veranstaltungen wie zum Beispiel Fußballspielen anerkannt und kaum wird das benannt oder angegriffen, was sich vielfach in ihm zeigt – durchaus bedrohlicher struktureller Rassismus und Sexismus. Ebenso wenig ist der Aufstand derer, die ‚unten‘ sind, die ihrer Wut Ausdruck verleihen, nicht zwangsläufig einer, der sich auch gegen Verhältnisse wie Rassismus und Sexismus richtet. Er verweist nicht unbedingt auf eine gemeinsame Vision darüber, wie alles anders werden könnte. Und wenn diese Ausdrücke sich nicht gegen Unterdrücker_innen richten, sondern nur eine Reproduktion von Unterdrückung nach sich ziehen, ist dies das Gegenteil von dem wir hier sprechen.
Wut und Rache sind nicht per se emanzipatorisch. Die Frage, ob mit ihnen Selbstermächtigung stattfinden kann, ist eine frage danach, welche Position die Menschen in der Gesellschaft haben und gegen wen sie ihre Wut richten. Und: Nur weil wir wütend sind, heißt dies nicht, dass wir unsere eigene Position reflektieren. Um nicht bloß die Verhältnisse zu reproduzieren ist dies aber notwendig.
Wut und Rache können emanzipatorisch sein, wenn sie ein Machtverhältnis ins Wanken bringen und – wenn es gelingt – sogar umkippen. Wie in den Nächten in Ferguson, als es nicht mehr die Bewohner_innen der Stadt waren, die Angst hatten, auf die Straße zu gehen, sondern die Bullen.

Es sind nicht nur die aufständischen Situationen, in denen eine kollektive Wut zum Ausdruck kommt, die als gemeinsame Racheakte verstanden werden können. Auch gezieltere Angriffe, die sich gegen Personen und Strukturen richten, können unserer Wut Raum schaffen, Rache zur Handlungsoption machen. Wir kennen die Gegenargumentation, es sei ’strategisch nicht der richtige Zeitpunkt‘ oder es ‚führe zu nichts‘. Aber wozu führt es nicht? Wofür ist nicht der richtige Zeitpunkt? Von welcher Perspektive ist hier die Rede? Rache an Personen ist aus realpolitischer Perspektive vielleicht nicht zur Mobilisierung der Massen geeignet, sie wird diese davon auch nicht überzeugen, dass wir die ‚Guten‘ sind. Aber ist das unsere Perspektive? Wir glauben weder, dass wir ganze organisierte Nazi-Gangs zum Nachdenken bewegen, bevor sie uns und anderen gefährlich werden, noch haben wir die Zeit zu warten, dass sich die patriarchale Gesellschaft durch diskutieren auflöst. Auf die Enthüllungen über den NSU folgte vor-allem großes Schweigen, Ratlosigkeit, Handlungsunfähigkeit. Wo war unsere Wut? Was fangen wir an mit den unzähligen Erfahrungen sexualisierter und rassistischer Gewalt? Wir wissen, dass von der Justiz und mörderischen Bullen nichts zu erwarten ist. Daher denken wir, dass es an der Zeit ist, ihnen mittels unserer ganzen Wut, unsere Rache klar zu machen: Von uns habt ihr einiges zu erwarten. Und worauf warten? Wann soll der richtige Zeitpunkt für unsere Wut sein, wenn die Zeit voller Punkte ist, an denen wir uns wundern müssen, dass wir sie noch ertragen?

… a change for the better…

Wenn wir anfangen, Wut als Gefühl zu erkennen, das uns stark machen kann, wenn wir Rache als Akt sehen, der selbstermächtigend und emanzipatorisch sein kann, können wir uns endlich fragen, ob und wie wir daraus eine Strategie entwickeln können und wollen. Dass sich unsere Wut kollektiviert und in Aufstände mündet kommt nicht oft vor. Wie können wir zur Stärke der alltägliche Wut finden, der gegenüber wir oft abgestumpft sind, die wir selten spüren, in der wir uns vereinzelt fühlen? Alle möglichen und unmöglichen Aufrufe, Manifeste und so weiter appellieren an unsere Emotionen, ‚In Trauer und Wut‘, ‚Wir sind wütend‘, ‚Lasst uns unsere Wut auf die Straße tragen‘, ‚unserer Wut Ausdruck verleihen‘. Das Gerede von der Wut, das nur ‚männliche‘ Gefühlsstrategien und ein aggressives Auftreten von Männern reproduziert, ödet uns an. Dies sind wohl eher die Normalität reproduzierende Phrasen, als eine Praxis, in der es darum geht, Gefühle zu haben und zu zeigen.
Wir wollen eine Praxis, in der diejenigen, die verlernt haben zu weinen, ihre Trauer zeigen können und diejenigen, die nicht gelernt haben zu schreien, ihrer Wut Ausdruck verleihen.